Gesegnetes Single-Sein?

Im Frühling 2018 hielt ich eine Predigt zum Thema „Single Sein“. Bis heute ist es wohl jene Predigt, die ich am meisten weitergeleitet habe, teilweise noch Monate nach dem ich sie gehalten haben. Über das Thema wird in unseren Gemeinden viel zu wenig gesprochen und viele jungen Menschen empfinden gerade in der christlichen „Szene“ einen grossen Druck, möglichst früh ihren Partner / ihre Partnerin fürs Leben zu finden, denn nur so wird man wirklich glücklich. So wird nicht nur einen riesen Druck auf die Beziehung selbst gelegt (denn was ist, wenn man dann nicht plötzlich von einem auf den anderen Tag jederzeit überglücklich ist?) und alleinstehende Christ*innen werden in ihrer Lebensform nicht ernstgenommen. Unser Single-Sein wird bloss als eine Zeit des Übergangs, eine Zeit des Wartens auf den Richtigen, die bessere Hälfte, gesehen.

Ich möchte in diesem Blog-Eintrag nicht jede Form romantischer Beziehung heruntersetzen, jedoch soll er ein Plädoyer fürs Single-Sein sein, gerade auch als Christ*in! Dies kann eine gesegnete Zeit für dich sein, die weitaus mehr ist, als nur ein „Abwarten“ – glaub mir, ich spreche aus Erfahrung. Ich kann heute mit Stolz sagen: Ich bin Single und ich finde das ziemlich toll.

Diese Aussage kommt bei gewissen Leuten aber irgendwie komisch an. Wir haben oft noch diese Vorstellung, dass mit Leuten, die Single sind, irgendetwas nicht stimmt, dass sie irgendeinen Fehler in ihrem System haben müssen, den sie zuerst korrigieren müssen, bevor sie auf das Level einer Partnerschaft aufsteigen dürfen. Was für ein Blödsinn! Da dieser Blödsinn aber weit verbreitet scheint und sich vor allem im christlichen Milieu auch echt hartnäckig hält, hier mein Versuch, mit drei der gängigsten Argumente gegen das Single-Sein aufzuräumen, sowie euch mit drei meiner Tipps auf eurem Single-Weg zu helfen.

Bitte schnallen Sie sich an, es könnte zu Turbulenzen in ihren Vorurteilen und Klischees kommen.

1. Vorurteil: „Menschen in Beziehungen sind glücklicher.“

Viele von uns werden schon früh geprägt von einer Märchen-haften Vorstellung einer Beziehung. Liebe auf den ersten Blick, heldenhafte Kämpfe für die Gunst des Gegenübers, eine Traum-Hochzeit und vor allem: das grosse Happy End! Und nach einigen Monaten oder Jahren voll von Frosch-Küssen, erfolglosen Kämpfen und der einen oder anderen Drachen-Zähmung merkst du: Glücklich-Sein ist verdammt schwer und das Happy End fällt dir nicht wie einer Disney-Prinzessin in den Schoss. Was nun?

Nun ja, dein Leben geht weiter. Mit Gutem und Schlechtem. Mit Zeiten, wo du glücklich bist und Zeiten, wo du darum kämpfen musst, glücklich zu sein. Die wichtigste Lektion, die ich dabei gelernt habe, ist dass die glücklichen Zeiten in meinem Leben nicht davon abhängig waren, ob ich in einer Partnerschaft war oder nicht. Warum also mein Happy End nur für die Momente in einer Beziehung aufbewahren? Warum nicht schon im Hier und Jetzt glücklich sein – unabhängig davon, ob da jemand an meiner Seite ist oder nicht.

Wenn ich als Pfarrerin unterwegs bin, habe ich das Privileg, das mir Leute offen aus ihrem Leben erzählen. Da sind Leute dabei, die verheiratet sind, geschieden, Single, frisch in einer Beziehung, die Kindern haben oder auch nicht, und so weiter. Und ich habe noch bei allen das Gleiche merken dürfen: Leben ist hart. Glücklich sein ist nicht einfach. Und vor allem: eine Partnerschaft ist kein Garant für ein glückliches Leben. 

Wir sollten nicht den Anspruch an einen Partner haben, dass er oder sie uns für immer glücklich machen. Das ist ein zu grosser Anspruch, den eine einzelne Person niemals erfüllen wird, egal wie toll er oder sie noch sein mag.

Ja, manchmal kann es schön sein, mit jemandem an seiner Seite durch Probleme zu gehen. Aber diese Menschen hat eine Single-Person doch auch. Auch ich als Single habe Menschen an meiner Seite, die mir mit meinen Problemen helfen und mit mir zusammen schwere Zeiten durchstehen. Familie, Freund*innen, auch diese können solche Begleiter*innen sein, die uns in Zeiten der Krise helfen und uns durchfragen können.

Zudem haben wir Singles dafür den Vorteil, das wir gewisse Probleme gar nicht haben, die man in einer Beziehung hat. Wir müssen unser Leben nicht im gleichen Mass auf eine andere Person und ihre/seine Wünsche abstimmen, was zu einer grossen persönlichen Freiheit führen kann.

Ein Mensch ist also so oder so mit Problemen konfrontiert, egal ob in einer Beziehung oder nicht. Jede Situation bringt seine eigene Herausforderung mit sich, der man sich stellen muss und die man bewältigen muss. Von diesem Argument können wir also wohl getrost Abschied nehmen.

2. Vorurteil: „Gott hat uns dazu geschaffen, in Beziehungen zu leben.“

In der Bibel steht, dass Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen. Als Adam und Eva. Als Mensch und Mit-Mensch. Wir sind dazu geschaffen, in Beziehung zu leben und bis wir nicht in Beziehung leben, können wir nicht glücklich sein. Klingt logisch, ist es auch.

Ja, ich stimme zu. Menschen sind dazu geschaffen, in Beziehungen zu leben. 

Wir Menschen würden auch ohne Beziehungen schlicht nicht überleben. Aber Achtung: ich meine jetzt nicht nur Partnerschaften, sondern Beziehungen ganz im Allgemeinen. Der Mensch ist eine Spezies, die nur in der Gruppe überlebensfähig ist, wir sind „Rudeltiere“. Und wir sind nur deswegen so erfolgreich als Spezies, weil wir gelernt haben, möglichst effektiv als Rudel von 8 Milliarden Menschen zusammen zu arbeiten.

Dass wir Beziehungswesen sind, merken wir auch in unserem persönlichen Leben. Es sind die Beziehungen, die wir führen, die unser Leben ausmachen. Aber warum reduzieren wir all unsere Beziehungen, immer nur auf diese eine Partnerschaft, die angeblich unserem ganzen Leben erst ihre Bestimmung gibt? Was ist mit all den anderen Beziehungen, die uns prägen? Unsere Familie, Freunde oder auch unsere Beziehung zu Gott?

In der Bibel lesen wir an ganz vielen Stellen, dass der Mensch dazu geschaffen ist, in Beziehung zu leben. Allerdings bezieht sich das nicht auf eine einzelne Partnerschaft. Der Mensch ist dazu geschaffen, in vier Arten von liebenden Beziehungen zu leben:

  • in einer liebenden Beziehung zu Gott
  • in einer liebenden Beziehung zu unseren Mitmenschen
  • in einer liebenden Beziehung zu uns selbst 
  • in einer liebenden Beziehung zu der Schöpfung

Ich glaube, dass wir Gott und seinem Plan mit uns Unrecht tun würden, wenn wir sagen würden, dass eine von all diesen Beziehungen wichtiger und Sinn-gebender ist, als der Rest. Es kommt darauf an, wie wir alle diese Beziehungen gestalten. Und jede einzelne davon kann unserem Leben Sinn geben.

3. Vorurteil: „Mein Leben hat erst mit einem Partner/ einer Partnerin einen Sinn.“

Das ist das Argument, das mich am meisten schmerzt, wenn ich es höre. Wenn du von diesem Blog-Eintrag nur etwas mitnimmst, dann bitte das: Dein Leben hat unglaublich viel Sinn! Dein Leben hat Sinn, unabhängig davon ob du Single bist, oder in einer Beziehung. Unabhängig davon, ob du glücklich bist, oder nicht. Unabhängig davon, ob du dick bist oder dünn, ob du gut in der Schule bist oder nicht, ob du heute morgen geduscht hast oder nicht,…

Dein Leben hat einen Sinn, weil Gott mit dir eine Beziehung will.

Das ist die zentrale Beziehung in deinem Leben, egal ob du in einer Partnerschaft bist, oder nicht. Der Sinn, den Gott in dein Leben hineinlegt ist sehr individuell auf dich und deine Stärken und Schwächen angepasst. Gott hat jedem von uns eigene Gaben gegeben, die wir nutzen können und sollen. In unserem Leben gibt es also so viel mehr zu entdecken, als nur den richtigen Partner / die richtige Partnerin.

Einen Weg, wie ich den Sinn von meinem Leben immer wieder neue entdecke ist durch meine Leidenschaften. Eine Leidenschaft ist etwas, wofür dein Herz ganz besonders brennt, etwas, was dich dadurch auch einzigartig macht. Und als Single haben wir eine einzigartige Chance, diese Leidenschaften zu entdecken und zu leben, weil wir in unserem Leben viele Freiheiten geniessen können. Ich habe vorhin über die Arten der Beziehungen geschrieben, für die uns Gott geschaffen hat (die Beziehung mit Gott, mit anderen Menschen, zu uns selbst und zu der Schöpfung). Ich glaube, dass sich unsere Leidenschaft unter anderem darin zeigt, wie ich diese Beziehungen gestalte, in welche Beziehung ich wie viel Zeit und Energie investiere. 

Single-Sein wird somit zu etwas sehr Aktivem, etwas, das wir mitgestalten können. Es ist nichts Passives, dass uns einfach passiert, das uns überfällt und wir mit uns geschehen lassen müssen, sondern wir können Single-Sein aktiv gestalten, indem wir unsere Leidenschaften leben.

Dies ist auch mein erster Tipp an alle christlichen Singles da draussen:

1. Tipp lebe deine Leidenschaft! 

Gott hat dich mit einem Sinn für dein Leben geschaffen. Entdecke deine Leidenschaft und lebe sie. Gott hat so viel Tolles vor mit dir und kann es kaum erwarten, mit dir zusammen dein Leben zu gestalten. Also nimm dir die Zeit, die du hast und investiere sie in deine Leidenschaft. 

Und der nette Nebeneffekt dabei: Leidenschaftliche Menschen sind attraktiv! Menschen die wissen, was sie vom Leben wollen und die auch aktiv dazu beitragen, das zu bekommen, sind unglaublich anziehend. Wir stehen also vor einer „win-win“-Situation: du kannst zum einen deine Leidenschaft leben – was an sich schon unglaublich toll ist – und zum anderen ziehst du dadurch auch Menschen an, die sich ebenfalls an dieser Leidenschaft orientieren. Egal ob sich daraus später eine Freundschaft oder vielleicht auch eine Partnerschaft ergibt – es ist eine Beziehung, die es wert sein wird, um den Sinn in deinem Leben weiter zu entdecken.

(Lustige Nebenbemerkung: dieser Tipp mit der Leidenschaft kommt von einem Typen, den ich mal unglaublich toll fand. Nun ja, der Tipp ist geblieben, der Typ nicht. Ich glaube er ist gerade in Indien am Yoga machen, oder so…)

2. Tipp: Mach auch mal was alleine

Geniesse bewusst die Zeit, die du für dich selbst gestalten kannst. Mach damit, was du willst. Einen Spaziergang in der Sonne. Geh alleine einen Kaffee trinken und nimm ein gutes Buch mit. Geh Sport machen. Ich geh zum Beispiel unglaublich gern alleine ins Kino. Gewisse Leute denken, das ist traurig, aber ich finde es sehr befreiend: ich kann den Film schauen gehen, den ich will, in der Sprache, die ich will, zu der Zeit, die ich will. Und ich habe das Popcorn für mich allein. 

3. Tipp: Rede darüber 

Such dir einige enge Freunde, die auch Single sind und rede mit ihnen darüber. Wie kannst du das Beste aus dieser Zeit rausholen? Was denkst du, was Gottes Pläne sind in dieser Zeit? Was fällt dir im Moment schwer und was geniesst du gerade unglaublich am Single-Sein? Dies alles sind Fragen, die ihr zusammen besprechen könnt. Unterstützt euch gegenseitig in dieser Zeit und seid für einander da.

Das Schöne ist, dass wir all unsere Beziehungen in der Beziehung zu Gott aufgehoben wissen dürfen. Diese Beziehung ist die erste und die letzte Beziehung in unserem Leben, die unserem Leben unglaublich viel Sinn schenkt.

„Du zeigst mir den Weg, der zum Leben hinführt. Und wo du bist, hört die Freude nie auf. Aus deiner Hand kommt ewiges Glück.“

Psalm 16, 11

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