So what?

WARNHINWEIS! Dies ist ein theologischer Blog…

und dies ist genau der Grund, weshalb du jetzt nicht wegklicken, sondern weiterlesen solltest. Denn Theologie ist etwas anderes als Glauben und es ist etwas anderes als Religion. Theologie ist, meinen Glauben, meine Religion, meine Spiritualität anzuschauen und mich zu fragen: „So what?

Das erste Mal, als ich mit dieser Frage konfrontiert wurde, war in einem Seminar zum Predigen an der Drew University. Rev. Dr. Simpson fragte die versammelten Theologie-Studierenden, was denn eine Predigt von einer simplen Text-Untersuchung unterscheidet. Ist es die Rhetorik? Die eingebauten Humor- und Spannungsmomente, um die Gemeinde beim Faden zu halten? Ist es vielleicht schlicht der Ort: das eine geschieht im Vorlesungsraum und das andere in der Kirche? Nein, so Dr. Simpson, eine Predigt wird dann von einer Exegese zu einer Predigt, wenn sie dem vorliegenden Text die Frage stellt: „So what?“ Und jetzt? Was soll mich/uns dies heute noch kümmern?

Gott hat diese Welt erschaffen. So what?

Das Volk Israel wurde aus Ägypten befreit und zog 40 Jahre durch die Wüste. So what?

Jesus starb am Kreuz. So what?

Die christliche Bewegung breitete sich in die ganze Welt aus. So what?

Mit dieser Frage als wichtigstem Werkzeug in meinem theologischen Werkzeugkoffer lernte ich predigen – interessant predigen, jedenfalls (wenn man das als „ghemmti“ Schweizerin so über sich selbst sagen darf). Ich lernte, einen biblischen Text auf die Fragestellung hin zu untersuchen, ob und was er uns heute noch sagen kann. Nicht weil ich glaube, dass er in seiner jeweiligen Zeit nichts zu sagen hatte, sondern weil ich glaube, dass er noch heute viel zu sagen hat, noch heute Richtschnur unseres komplexen, schnellen, modernen Lebens sein kann. 

Mit dieser Frage lernte ich auch zu schreiben. Ich lernte die unbequemen Fragen zu stellen und mich nicht mit floskelhaften Antworten abzugeben. Ich lernte, tiefer zu graben.

Ich mache beides, Predigen und Schreiben, weil ich glaube, dass die Geschichte in diesem Buch, das wir Bibel nennen, noch heute Menschen Trost, Hoffnung, Mut und Rat zusprechen kann. 

Ich begriff wohl bereits unbewusst in diesem Vorlesungsraum bei Dr. Simpson, was Serene Jones später in ihrem 2019 erschienenen Buch „Call It Grace“ schreiben würde: Jedesmal, wenn wir die Frage „So what?“ stellen, betreiben wir Theologie. Nicht nur, wenn wir dabei einen biblischen Text anschauen, sondern auch, wenn wir Theolog*innen vergangener und gegenwärtiger Zeit lesen, wenn wir mit Gemeindegliedern unterwegs sind, wenn wir auf diese Welt schauen und die Zeitungen lesen. Serene Jones nimmt diese Frage und bezeichnet sie als die Grundfrage, das Grundelement jeglichen theologischen Denkens. Immer, wenn wir diese Frage stellen, fragen wir nach etwas, das über uns hinausweist, etwas das grösser ist als das, was uns gerade vorliegt. Was könnte „Theo-logos“ (die griechische Wurzel vom Wort „Theologie“ ist: Theo = Gott, logos = Wort, Theologie = Wort über Gott, Sprechen über Gott) sein, wenn nicht gerade die Frage nach diesem Grösseren, unendlichen, sinn-gebenden Etwas, das wir als „Gott“ bezeichnen.

„Look at your life and dare to ask, “So what?” If you can take this one small step, it sparks the divine imagination into theological storytelling, and there begins the theological quest.“

Serene Jones, Call It Grace, 2019, S. X.

Dabei ist der Mensch wohl das einzige lebende Wesen, dass sich diese Frage stellen kann – auch wenn wir dies oft nicht tun. Ich erinnere mich an einen Abend mit einem meiner engsten Freunde in New York. Es war mein letzter Abend in der Stadt, nachdem ich für mehrere Monate dort gelebt hatte und wir hatten einen Tisch im Rainbow Room des Rockefeller Centers in Midtown reserviert. Aus diesem 65. Stock überblickt man ganz Manhattan und kann runterblicken auf die geschätzt 16 Millionen Menschen, die ihren Tag auf dieser Insel verbringen. Mit einem Drink in der Hand blickten wir also auf diese Strassen und Menschen runter, als mein Freund bemerkte: „Each one of them is at the center of their own universe.“ Jede Person ist im Zentrum ihres eigenen Universums. Plötzlich erschienen mir die Strassen New Yorks voll von kleinen Sonnen-Systemen, jedes mit einem Sonnen-Menschen in der Mitte, die die anderen Menschen, die sie kreuzen mögen, als kleine Sterne oder Planeten im eigenen Sonnensystem betrachten. Und meistens denke auch ich so: Ich war zu diesem Zeitpunkt auch das Zentrum meines eigenen Sonnen-Systems, ein Sonnen-System, das sich bald über den Ozean in die Nähe anderer, bekannter Sterne und Planeten bewegen würde. Aber ab und zu schaffen wir Menschen es, uns selbst vom Zentrum unseres Sonnensystems zu distanzieren und nach der Sonne zu suchen in unserem eigenen Leben und als die Erde zu versuchen, unsere Umlaufbahn zu verstehen. Diese Momente, wenn wir uns selber als die Erde und nicht als die Sonne verstehen, können einer kopernikanischen Wende gleichen, die unser Leben und unsere Beziehungen umkrempeln und uns auf einen neuen Standpunkt stellen.  Es können aber auch sanfte Momente sein, wie der Windhauch auf einer nächtlichen Schifffahrt. Wir mögen es vielleicht nicht mal bemerken, wie sich unsere Orientierung verändert.

Nach solchen Momenten, nach einer solchen Neu-Orientierung, nach einem neuen Mittelpunkt des Lebens suche ich jedes Mal, wenn ich die Frage stelle: so what? Ganz im Sinne von Archimedes: Gib mir eine Frage, die stark genug ist und ich hebe die Welt aus ihren Angeln.

Es ist eben diese Frage, die ich in diesem Blog zu stellen versuche. Ich schaue auf diese Welt und sehe Temperaturen und Meere ansteigen. Ich sehe Politiker*innen, die wirtschaftliche vor menschliche Interessen stellen. Ich sehe Schüler*innen streiken, Menschen flüchten. Ich sehe eine ökologische Katastrophe von bisher ungekanntem Mass sich anbahnen und eine Gesellschaft, die von Fragen und Antworten gleichermassen überfordert scheint. Also stelle ich die einzige Frage, die ich kann: so what? Was soll mich dies alles kümmern? Und falls ja, wie?

Stellen wir uns also gemeinsam diese Frage. Betreiben wir gemeinsam Theologie. Wir suchen nach Antworten und Taten, nach Rat und Hindernissen. Vor allem aber suchen wir nach einer Hoffnung, die uns antreiben wird. Die uns nicht loslässt und uns unruhig werden lässt aufgrund von unserem Blick in diese Welt. Wir suchen nach etwas, das grösser ist, als wir es sind. Denn wir alleine schaffen es nicht. 

Also frag mit mir: SO WHAT?

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