Die schambefreite Kirche

„Why is it so frightening, that a woman has sexual feelings, that she is a sexual being?“

„Was ist so beängstigend daran, dass eine Frau sexuelle Gefühle hat, ein sexuelles Wesen ist?“

Dieser Frage versucht die Dokumentation „Female Pleasure“ (2018)1 auf den Grund zu gehen und ermöglicht uns dafür einen Einblick in den Kampf von fünf Frauen um sexuelle Befreiung in ihrer Kultur. Da gibt es die Künstlerin Rokudenashiko, die verhaftet wurde, weil sie einen 3D-Scan ihrer Vagina herstellte und ins Internet stellte; die ausdrucksstarke Leyla Hussein, welche gegen weibliche Beschneidung (FGM) kämpft; die in einer chassidischen Gemeinschaft aufgewachsene Deborah Feldman, welche die weibliche Unterdrückung dieser Gemeinschaft anprangert; die kreative Vithika Yadav, die  mit ihrer Website „Love Matters“ in Indien Gespräche über Sexualität startet; und Doris Wagner, eine ehemalige Nonne, die in ihrem eigenen Kloster mehrfach vergewaltigt wurde und bis heute auf Bestrafung des Täters und eine offizielle Stellungnahme der römisch-katholischen Kirche wartet. Neben ihrem jeweils individuellen und kulturellen Kampf um eine Befreiung der weiblichen Sexualität zieht sich ein weiterer Faden durch die Geschichten der fünf Frauen: in fast allen Geschichten wird aufgezeigt, wie die Religion eine negative Auswirkung auf die Sicht der weiblichen Sexualität hatte und hat. Eine solch tabuisierende, stigmatisierende und unterdrückende Sicht auf die weibliche Sexualität fördert teils massive psychische und physische Gewalt. Eine Gewalt, für die die jeweilige Religion nur selten Verantwortung übernimmt… falls sie sie überhaupt wahrnimmt.

Wenn in diesem Film weibliche Sexualität behandelt wird, dann geht es dabei nicht bloss um den Geschlechtsverkehr und den weiblichen Anteil daran. Nein, es geht um die Gesamtheit sexueller Anteile an der weiblichen Biologie, der weiblichen Wahrnehmung und der weiblichen Identität. Es geht um die Periode, es geht um Masturbation, um queere Lebensentwürfe, es geht um Missbrauch, es geht um den Schönheitswahn, es geht um weibliche Genitalverstümmelung, es geht um die Vagina und welches Bild die Welt von ihr, und der Person, die sie trägt, hat. Und vor allem geht es um die Scham, die all diese Themen umgibt und sie in Schweigen hüllt. Und all dies muss gemeinsam behandelt werden, denn wie es Vithika Yadav so treffend in ihrem Interview mit den Filmemacher*innen sagt:

«If you’re not gonna talk about sex and healthy relationships, then you’re not even gonna talk about rape or sexual harassment or sexual violence.“

„Wer nicht über Sex und gute Beziehungen spricht, spricht nicht über Vergewaltigung, Nötigung und sexuelle Gewalt.“

Ich glaube, dass dies auch ein Aufgabenbereich der Kirche des 21. Jahrhunderts sein muss. Wenn wir in unseren Kirchen und Gemeinden nicht über Sexualität in all ihren Bestandteilen sprechen, dann müssen wir nicht erstaunt sein, dass auch über Themen wie Grenzüberschreitungen, Missbrauch und Vergewaltigung nicht gesprochen wird. Die Kirche hat ein Tabu-, ein Scham-Problem, wenn es um den Bereich Sexualität geht. Nicht, weil es überhaupt kein Thema ist, sondern weil die Thematik sehr einseitig behandelt wird und zumeist nicht aus der Sicht der weiblichen Sexualität.

Denn Sex war ein Thema in den Kirchen und Gemeinden meiner Jugend.

Aber wir haben nicht über Sex gesprochen. 

Mit uns wurde über Sex gesprochen.

Passiv, nicht aktiv.

So gab es in etlichen christlichen Jugendcamps Programm-Einheiten über „Liebe, Sex und Beziehungen“ (die Reihenfolge dieser drei Wörter war variabel, die Inhalte nicht). In diesen Programm-Einheiten ging es vor allem darum, dass Masturbation Männer-Sache ist und weil es eigentlich immer mit Pornografie einhergehe, auch grundsätzlich schlecht; dass Sex vor der Ehe zwar möglich, aber nicht empfehlenswert ist; und, dass man als Frau schon auch darauf achten muss, was man anzieht, wenn man im Gottesdienst vorne steht – man will es den Männern ja nicht zu schwer machen, sich auch auf den Gottesdienst zu konzentrieren. Dazu gab es mehr oder weniger hilfreiche Tipps, wie man verhindern könne, zu früh Sex mit dem Partner/ der Partnerin zu haben. Als einmal eine Leitungsperson im fortgeschrittenen Alter uns erzählte, dass sie und ihr Partner es schafften, bis zu der Ehe keinen Sex zu haben, weil sie nie gleichzeitig auf dem Bett lagen, sondern immer einer von ihnen sass, ist mir der Kragen geplatzt. Ob sie eigentlich das Gefühl habe, man können nur im Liegen Sex haben, habe ich laut gefragt. Ich wurde aus dem Raum gestellt. Leid tut mir der Kommentar bis heute nicht.

Und dies ist kein Problem der Freikirchen, denn auch die deutsche Journalistin Margarete Stokowski, die römisch-katholisch aufgewachsen ist, erzählt in ihrem Buch „Untenrum frei“ (2016)2 von ihrer religiösen Bildung und der seltsamen Spannung zwischen der säkularen Welt, in der Sex für Teenager ein Dauerthema ist, und der religiösen Welt, die durch verschiedene Mittel versucht sich daraus zurückzuziehen. Sie beschreibt, wie Sexualität zu einem Thema der Übernatürlichkeit gemacht wurde (besonders auch durch die Thematik der Jungfrauen-Geburt), wenn es doch eigentlich das Natürlichste der Welt ist. 

„In den Stunden mit unserer Firmgruppe lachen wir uns darüber tot, dass es in den Texten, die wir lesen, heisst, sie erkannten einander, wenn Leute Sex haben, aber das Lachen hilft nicht darüber hinweg, dass wir Teil dieser Religion sind und wir dabei sind, uns aktiv zu einem System zu bekennen, das ein tiefes Misstrauen gegen das hegt, wonach wir uns sehnen.“

Margarete Stokowski, Untenrum frei, S. 129.

Die These ihres Buches schlägt in eine ganz ähnliche Kerbe, wie die obige Aussage von Yadav: wenn wir Frauen im Kleinen (in den Ausdrücken unserer Sexualität) nicht frei sind, wie können wir dann erwarten im Grossen (in der Politik, der Wirtschaft, der Welt) frei zu sein? Freiheit hat dabei zu tun mit dem Ablegen von Scham und Vorurteilen. Mit dem Ergreifen des Wortes, dem Mit-Prägen der Diskussion. Dabei müssen wir Frauen erkennen, welche Fesseln wir uns selbst auferlegen und uns daran gewöhnt haben und welche uns von der Gesellschaft oder auch der Religion auferlegt werden. Von beiden müssen wir uns befreien. 

Und wir Kirchen müssen lernen mitzureden, statt zu tabuisieren und zu stigmatisieren. Wenn unsere Jugendlichen und Erwachsenen bei uns nicht über Sexualität, Lust und Sehnsucht sprechen können, dann werden sie wie so viele Generationen vor ihnen lernen, dass über gewisse Themen in der Kirche halt einfach nicht gesprochen wird, da sie zu obszön, zu unheilig, zu natürlich sind. Sie werden dann entweder eine Kultur des Schweigens und des Tabuisierens mitprägen, weil sie ihre Fragen zur Sexualität nicht stellen und einen Teil ihres Selbst nicht erforschen dürfen… oder sie werden sich andere Orte suchen, an denen sie dies dürfen. Beides kann und darf nicht unser Wunsch sein. Denn wenn wir mündige Christ*innen wollen, dann müssen das mit-redende Christ*innen sein.

Aber wie kann ein solches „Mitreden“ aussehen? Können wir Kirchen wirklich etwas zur Diskussion um (weibliche) Sexualität beitragen? Oder sollten wir unsere Gläubigen nicht besser woanders hinschicken dafür, das Thema abdelegieren?

Weil ich auf diese Frage bisher keine Antwort hatte, lag der vorangegangene Teil dieses Blogeintrages bisher nur auf meiner Festplatte und wartete auf Vervollständigung, damit ich es wagen würde, ihn zu veröffentlichen (was entweder ein weibliches, ein methodistisches oder schweizerisches Problem, oder gar eine Verknüpfung aller drei ist… ganz sicher bin ich da nicht). 

Aber dann wurde ich letzte Woche auf eine Geschichte in der Bibel aufmerksam gemacht, die mein Herz öffnete, weil sie aufzeigt, dass das Brechen der Scham und des Stigmas und des Tabus zum christlichen Auftrag dazugehört. Es ist eine Geschichte, die nur selten gepredigt, über die nur selten nachgedacht wurde und die deswegen kaum einen Einfluss auf die 2’000-jährige Geschichte der Kirche und ihrer begleitenden Theologie hatte. Denn in der Geschichte geht es um die Begegnung von Jesus mit einer Frau und um die Heilung eines weiblichen Leidens. Der Einfluss dieser Geschichte und ihrer Aussage auf die Machthabenden der Kirche war folglich schwindend gering. Umso wichtiger, dass diese Geschichte heute nicht das gleiche Schicksal erduldet. 

In Markus 5, 25-34 lesen wir die Geschichte einer Frau, die seit 12 Jahren an Dauerblutungen leidet. Sie ist, wie Siegfried Zimmer im Worthaus-Vortrag3 zu diesem Text sie benennt, eine „Unberührbare“, denn sie wird als unrein angesehen. Deswegen wird sie von der Gemeinschaft ausgeschlossen, entsprechend den Reinheitsgeboten in Levitikus:

„Wenn eine Frau ihren Blutfluss hat, so soll sie sieben Tage für unrein gelten. Wer sie anrührt, der wird unrein bis zum Abend. […] Wenn aber eine Frau den Blutfluss eine lange Zeit hat, zu ungewöhnlicher Zeit oder über die gewöhnliche Zeit hinaus, so wird sie unrein, solange sie ihn hat; wie zu ihrer gewöhnlichen Zeit, so soll sie auch da unrein sein.“

3. Mose 15, 19 & 25

Ihre Unreinheit wird als gleichwertig mit Aussatz und Besessenheit angesehen, gar als ansteckend. Deswegen ist ihr nicht nur die Gemeinschaft mit anderen Menschen verwehrt, sondern sogar die Gemeinschaft mit Gott, denn der Zugang zum Tempel (auch zu den Vorhöfen) ist ihr komplett verboten. Sie ist kein Teil der Gesellschaft und somit führt ihre scham-behaftete Krankheit zu einem weiteren unglaublich grossen Leiden, von dem sie sich Heilung wünscht.

Und genau diese „Unberührbare“ macht sich nun auf, den Sohn Gottes zu berühren. Und es gelingt ihr. Sie drängt sich in die Masse, die Jesus umgibt – eine strafbare Handlung, da sie andere Menschen unrein macht – und berührt das Gewand von Jesus. Auch das wieder ein Moment, der Bestrafung verdient, denn durch ihre Berührung ist nun auch Jesus unrein. Von dieser Berührung aber geht Heilung aus, es heisst, dass die Frau im selben Moment, als sie das Gewand berühre, von ihren Blutungen geheilt wurde. Aber ihr wird noch eine weitere Heilung zuteil werden…

Jesus merkt, dass eine Kraft von ihm ausgeht und fragt, wer ihn berührt habe. Da kommt die Frau zu ihm „mit Furch und Zittern“. Was für eine Scham muss sie in ihrem Leben bereits erlebt haben? Nicht erst, als Jesus sie ansprach, sondern schon ihr ganzes Leben. Ihr Leiden wurde als Unreinheit angesehen, sie war durch die Blutung wohl auch unfruchtbar, wurde also nicht als „vollständige“ Frau angesehen, wurde ausgeschlossen und stigmatisiert. Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, was eine solche Stigmatisierung über 12 Jahre hinweg mit der Psyche eines Menschen anstellen kann.

Doch Jesus begegnet dieser Frau anders, als der Rest der Welt ihr begegnet. Nachdem sie ihm die Wahrheit über ihre Krankheit erzählt und dass sie sich Heilung erhofft hatte mit der Berührung seiner Kleider, spricht er folgende Wort zu ihr:

„Meine Tochter, dein Glaube hat dich gesund gemacht; geh hin in Frieden und sei gesund von deiner Plage!“

Markus 5, 34

Jesus heilt nicht nur ihr körperliches Leiden. Nein, er heilt sie von ihrem Stigma, von den Vorurteilen gegenüber, von der Last der Scham, nicht bloss, indem er ihre Blutungen stillt, sondern auch, indem er sie in eine Beziehung setzt zu sich selbst. Er nennt sie „meine Tochter“. Was eine solche Begegnung, was solche Worte für diese Frau bedeuten müssen, die jahrelang darunter litt, eine Unberührbare zu sein und der somit sämtliche Beziehungen verwehrt bleiben, ist nur schwer nachzuvollziehen.

Aber ich glaube, dass diese heilige Begegnung heute dort geschieht, wo wir zu der missbrauchten Frau sagen: „Ich glaube dir.“

Wenn wir zu der fragenden Jugendlichen sagen: „Deine Fragen sind ok und wir nehmen uns ihnen gemeinsam an.“

Wenn wir zu jeder Frau sagen: „Deine Lust und deine Sehnsucht sind nichts Schamhaftes und nichts Unnatürliches.“

Und dann kommen wir vielleicht dem Ort ein Stück näher, an dem sich jede Frau, nicht trotz, sondern auch wegen ihrer Sexualität und all ihren Aspekten davon, als Tochter des Höchsten verstehen und fühlen kann.

Der Weg hin zu einer schambefreiten Kirche ist noch lang, aber hier einige Ressourcen, die mir geholfen haben, über dieses Thema nachzudenken und die ich dir wärmstens empfehle, wenn du den Weg mitgehen willst:

  • Dokumentation: Female Pleasure (2018) von Barbara Miller
  • Dokumentation: The Cruel Cut (2014) von Layla Hussein
  • Buch: Untenrum frei (2016) von Margarete Stokowski
  • Buch: Bitch Doktrin (2017) von Laurie Penny
  • Buch: Vulva – Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts (2009) von Mithu Sanyal
  • Buch: Lieben und Arbeiten (2001) von Dorothee Sölle
  • Buch: Liebe in der Moderne (2014)von Isolde Karle
  • Buch: Unverschämt schamlos (2019) von Nadia Bolz-Weber
  • Worthaus-Vortrag: 9.5.2. Jesus und die blutende Frau (2019) von Siegfried Zimmer

1 Comment »

  1. Sarah, Danke für Deine Gedanken!
    Seit der Tagung zur „Menschlichen Sexualität“ in Bern trage ich die Notiz mit mir rum, dass wir das Thema in der Gemeinde angehen sollten. Gerade der Dialog mit den jungen Menschen ist so wichtig. Es braucht die Freiheit und den Raum über Gedanken, Fragen und eigene Gefühle in der Gemeinde zu sprechen.
    Du hast mir diese Notiz wieder ins Bewusstsein gerufen… Ich hoffe, ich kann dran bleiben (trotz all den anderen Themen die uns zur Zeit beschäftigen)!
    Liebe Grüsse, Claudia

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