Interview: „Eine neue Beziehung zur Schöpfung“

Für die September-Ausgabe des Mitarbeitermagazins „Ensemble“ der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn durfte ich mit dem verantwortlichen Redakteur Olivier Schmid zusammensitzen und ihm seine Fragen zu Glauben und Klima beantworten. Hier ein Auszug des Interviews:

Sarah Bach, was haben Glaube und Klimaschutz miteinander zu tun? 

Wenn wir in unserem Leben mit Gott und Jesus unterwegs sind, wirkt sich das nicht nur auf uns aus, sondern auch auf alle unsere Beziehungen, also auch mit der Welt. Jeder Mensch hat von Gott den Auftrag, Liebe, Gerechtigkeit und Fürsorge in die Welt zu bringen. Der Klimawandel aber fördert Ungerechtigkeit, verschlimmert Kriege und treibt Menschen in die Flucht. Als Christinnen und Christen können wir nicht sagen, das habe nichts mit uns zu tun. 

Was ist aus theologischer Sicht denn schiefgelaufen, dass ein Klimakollaps Realität werden könnte?

Ein grosses Problem ist der anthropozentrische Blick auf die Welt. Wir gehen davon aus, die Welt sei für die Menschen geschaffen und wir seien die Krone der Schöpfung – und glauben darum, mit der Natur machen zu dürfen, was wir wollen. Zudem hat man das Natürliche immer als etwas Negatives angesehen, im Gegensatz zu Verstand und Spiritualität, die uns zu Gott erheben und von der Natur erlösen würden. 

Gott gab den Menschen den Auftrag, sich die Erde untertan zu machen. Inwiefern haben wir dieses Gebot falsch interpretiert?

Dieses Gebot ist eingebunden an den Zuspruch von Gott an uns Menschen, dass wir nach seinem Bild geschaffen sind. Das heisst für mich, nach seinem Vorbild zu leben und mit der Schöpfung so umzugehen, wie Gott mit ihr umgeht. Es ist ein liebevoller und lebensbejahender Umgang. Gott schafft Leben. Wir aber zerstören Leben. Dabei wären wir dafür verantwortlich, sie zu bewahren.

Wie kann denn der Glaube die Menschen motivieren, diese Verantwortung wahrzunehmen?

Wir sollten uns daran erinnern, dass es unser Auftrag als Christinnen und Christen ist, Liebe und Gerechtigkeit in die Welt zu bringen. Gott hat uns Liebe geschenkt, damit wir sie weitergeben. Seine Liebe ist viel zu gross, als dass wir sie für uns behalten können, irgendwann schwappt sie über. Wie können wir die Erde wieder betrachten als etwas, das uns geschenkt wurde, und nicht als etwas, das uns gehört? Wir Christinnen und Christen können den Menschen helfen, die Wertschätzung für die Schöpfung wieder zu stärken. Wir sind nicht getrennt von ihr, sondern ein Teil von ihr. Es ist unglaublich wichtig, dass wir eine neue Beziehung zur Schöpfung aufbauen. Dann kann auch ein Spaziergang in der Natur zu einem Gebet werden, indem man realisiert: Ich laufe durch ein Geschenk Gottes, unter Bäumen, dank denen ich atmen kann, mit Lebewesen, die das Ökosystem im Gleichgewicht halten, so dass ich essen kann… Je mehr wir über die Welt wissen, desto mehr haben wir eine Beziehung zu ihr.

Wie aber kann der Glaube helfen, wenn man angesichts der absehbaren Katastrophe in Lethargie oder Fatalismus verfällt? 

Wenn du merkst, dass die Rationalität der Hoffnung widerspricht, dass wir es schaffen werden, wenn dir bewusst wird, dass wir bereits grosse Teile dieser Welt zerstört haben und verlieren werden, hilft es, zu glauben, dass es auch dann Hoffnung gibt, wenn die Menschen keine mehr haben. Ich glaube, dass Gott ganz viele Sachen möglich machen kann. Das gibt mir Kraft, wenn ich in Versuchung bin, alles hinzuwerfen. 

[…]

Gerade wir Menschen im Globalen Norden sind besonders gefordert, uns in Verzicht zu üben. Wie lässt sich Klimagerechtigkeit theologisch begründen?

In der Bibel haben wir konkrete Gebote, die Gerechtigkeit fordern. Auch das Gebot der Nächstenliebe hat viel mit Gerechtigkeit zu tun. Ebenso lassen sich die zehn Gebote unter dem Begriff der Gerechtigkeit zusammenfassen, denn sie sollen ein gerechtes Miteinander möglich machen. Gerechtigkeit hat dabei viel mit Handeln zu tun. Sie fordert, sich für eine Welt einzusetzen, in der man aufeinander schaut statt gegeneinander arbeitet. Die Schweiz ist dabei speziell gefordert. Wir haben durch unsere Lebensweise viel mehr zum Klimawandel beigetragen als die Länder im Globalen Süden. Darum haben wir eine umso grössere Verantwortung.

Wie können die Kirchgemeinden diese Verantwortung wahrnehmen? 

Dass sie den Menschen helfen können, in eine neue Beziehung zur Schöpfung zu treten, haben wir bereits angesprochen Darüber hinaus könne sie ihnen Wissen über die globalen Folgen unserer Lebensweise vermitteln. Je mehr wir wissen, was auf der anderen Seite der Welt passiert, desto weniger gut können wir es ignorieren. Dabei ist es natürlich eine Herausforderung, kohärent zu sein und kirchliche Anlässe möglichst klimaneutral zu gestalten. Es bringt nichts, einen Dokumentarfilm über die Klimakatastrophe zu zeigen und dann Fleisch auf Plastikteller zu servieren. 

Glauben Sie, dass wir die Klimawende schaffen?

Ich glaube es. Mein Glaube gibt mir Hoffnung. Rational habe ich zwar keine Ahnung, wie wir es schaffen. Aber die Hoffnung kann und will ich nicht aufgeben. 

Danke Olivier für deine Fragen und das ganze Gespräch mit dir (das viel zu ausführlich war um ganz abzudrucken)! Das ganze Interview und die französische Übersetzung davon findet ihr hier.

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