Zwischen Leben und Tod: die Klimakrise und die Kirche

Dieses Referat hielt ich anfangs Mai am BEA-Fachseminar der Reformierten Kirche Bern-Jura-Solothurn, das sich allgemein mit dem Thema „Klimawandel – Was können wir als Kirche tun?“ beschäftigte. Auf dieses Referat, das als theologischer Einstieg in das Seminar diente, folgten mehrere Praxisbeispiele, wie die Beschäftigung mit der Klimakrise aktuell in der Kirche aussehen könnte.

Der ganze Livestream des Fachseminars ist aktuell noch hier verfügbar.


Beschäftigung mit der Klimakrise – Beschäftigung mit dem Tod

Die Beschäftigung mit der Klimakrise bedeutet Beschäftigung mit dem Tod. 

Jeden Tag sterben ganze Tier- und Pflanzenarten aus und eine weitere Million Arten ist von diesem Aussterben bedroht. Der IPBES-Bericht von 2019 über Biodiversität und Ökosysteme geht davon aus, dass drei Viertel der Naturräume an Land und zwei Drittel der Naturräume des Meeres bereits erheblich verändert wurden.[1] Auch Menschenleben sind vom Klimawandel bedroht: Greenpeace Deutschland schätzt, dass im Jahr 2040 rund 200 Millionen Menschen aufgrund von Klimaveränderungen auf der Flucht sein könnten. Die Kategorie der sogenannten „Umweltflüchtlinge“ lässt sich dabei zunehmend schwer auf eine genaue Zahl konkretisieren. Betroffen sind nicht nur jene Menschen, die aufgrund von einer Naturkatastrophe aus ihrer Heimat flüchten müssen (heute sind dies ca. 25,4 Millionen), sondern auch jene Menschen, die aufgrund von klimabedingten Problemen, wie etwa Nahrungsknappheit oder Krieg, fliehen müssen, da der Klimawandel und die damit einhergehenden Umweltveränderungen oft als Katalysator für schon bestehende Probleme agieren.[2] Somit hat der Klimawandel nicht bloss einen Einfluss auf die Ökologie, sondern auch auf Politik, Ideologien, Wirtschaft, Krieg und Frieden… und hat einen solchen Einfluss auch schon auf die Kirche und die Theologie. 

Die Beschäftigung mit der Klimakrise ist also kein Thema, das nur die Gesellschaft oder Politik angeht. Es ist nichts Aufgeblähtes, kein weiterer Trend, auf dessen Zug wir als Kirchen und wir Christ:innen mit aufspringen wollen. Ich glaube, der Kampf gegen die Klimakrise ist ein Kampf, der den innersten Kampf der christlichen Theologie widerspiegelt: Der Kampf des Lebens gegen den Tod. 

Der christlichen Theologie ist die Beschäftigung mit dem Tod nicht fremd. Wir sehen den Tod als Widersacher gegen unseren Gott des Lebens, der Schöpfung und der Auferstehung. In den biblischen Texten erkennen wir Gott als einen Gott, der das Leben schafft und bewahren will und dies auf vielfältige Weise tut. Von Gott erhielten wir den Auftrag zur Bewahrung der Welt und das Leben von Gottes auferstandenem Sohn dient uns Christ:innen als Vorbild. Somit ist die Bewahrung dieser Schöpfung und der Kampf für das Leben aufs Engste mit der Identität unserer christlichen Theologie und Kirche verknüpft. Es ist aufs engste mit unserem christlichen Auftrag in dieser Welt verknüpft.

Die Problematik erkennen: unsere heutigen Propheten

Die Fragen: „Was ist der Auftrag Gottes für unser Leben?» oder «Wie erkenne ich diesen Auftrag und wie setze ich ihn um?» sind Fragen, die seit jeher die christliche Theologie und vor allem ihre Ethik beschäftigen. «Was ist das gute, gott-gefällige Handeln in dieser Zeit, an diesem Ort?»

In der jüdischen Bibel, unserem Alten Testament, sehen wir Propheten auftreten zu dieser Frage. Sie schauen auf die aktuelle Situation, die sozialen Umstände, die Religion, sie analysieren das im Hören auf die Gesetze Gottes und das Sprechen Gottes in ihre Zeit hinein und dann verkünden sie dies lautstark, oft unter Gefahr ihres eigenen Lebens im Angesicht der Machtstrukturen jener Zeit. So geben sie Orientierung in der Gegenwart.

Es gibt bereits seit den 70er-Jahren eine prophetische Stimme für das Klima in der Kirche, eine Ökologische Bewegung innerhalb der Kirche (Moltmann, Boff, Sölle,…), aber trotzdem hat es die ökologische Theologie kaum in den Mainstream der Theologie und Kirche der heutigen Zeit geschafft. Ich glaube, dass wir diese prophetische Stimme in unserer Kirche heute vielerorts verloren haben oder sie nicht mehr wahrnehmen wollen, weil sie unbequem ist, weil wir uns aufgrund dieser Stimme verändern müssten. 

Aber wir müssen uns nun auch nicht wundern, wenn diese prophetische Stimme heute von ausserhalb der Kirche kommt.

Ich finde es kennzeichnend für diese Krise, die unser Denken und Handeln und Fühlen auf den Kopf stellt, dass sie uns bereits herausfordert mit denjenigen Menschen, die uns heute auf diese Krise hinweisen, mit unseren Propheten heute. Es sind nicht die alten, weisen Männer, die lange über ihren Schreibtischen gegrübelt haben und nun, nachdem sie sich natürlich lange genug ihren Status in der akademisch-wissenschaftlichen Welt bewiesen haben, bereits sind zu erklären: ja, es gibt eine Krise und dies natürlich bereits wunderschön in einem über mehrere Jahre entstandenen Buch publizieren, mit dem sie nun auf Lesetour gehen. Nein, unsere Propheten heute sind die Jungen, die junge Generation, denen wir in der Schule all das Wissen über die aktuelle Klimasituation gegeben haben, zusammen mit einer gehörigen Portion Gleichgültigkeit. Denen wir sagen, dass wir sie wichtig schätzen, aber nicht wichtig genug, um unsere heutigen Bedürfnisse für ihre Bedürfnisse der Zukunft zurückzustellen. 

Sie haben die Problematik erkannt und weisen uns schonungslos daraufhin. Seit 2 Jahren auf der Strasse und auf Social Media und seit letztem Jahr auch im sogenannten Klimaaktionsplan, der definitiv eine Lektüre wert ist. 

Die junge Generation schafft es, sich über Landesgrenzen und politische Grenzen hinweg zu vernetzen, weil sie wissen, dass das, was sie vereint, wichtiger ist als das, was sie trennt. Komisch, mir scheint fast, das könnte auch die Aufgabe einer anderen Bewegung sein…

Die Bewegungen Strike for Future oder Extinction Rebellion sind zudem längst über Generationen und spezifische Millieus hinausgewachsen und ich finde es besonders interessant zu beobachten, welche Funktion die Religion oder Spiritualität im weiteren Sinne in diesen Bewegungen hat. So finde ich es aussergewöhnlich, was wir in der «Declaration of Rebellion» von der ursprünglich aus Grossbritannien stammenden Bewegung Extinction Rebellion lesen:

«When government and the law fail to provide any assurance of adequate protection of and security for its people’s well-being and the nation’s future, it becomes the right of citizens to seek redress in order to restore dutiful democracy and to secure the solutions needed to avert catastrophe and protect the future. It becomes not only our right but our sacred duty to rebel.

Extinction Rebellion, Declaration of Rebellion.

Es wird unsere heilige Aufgabe, zu rebellieren, uns zu wehren. 

Wie spannend, dass hier das Wort heilig gebraucht wird. Etwas, das wir als heilig ansehen, als «sacred» betrachten ist etwas, was wir unbedingt schützen wollen, etwas das einen Wert hat unabhängig von einer menschlichen Ergänzung.

In der Bibel ist Gott und was von Gott kommt heilig. So können Orte, Menschen und eben auch Aufträge und Aufgaben heilig sein. Und ich glaube, dass wir einen solchen heiligen Auftrag erhalten haben, als wir aufgerufen wurden, uns um diese Erde zu kümmern, sie zu bewahren und zu bebauen, alles im Vorbild Gottes, weil wir in seinem Bild geschaffen sind. 

Und wenn die menschliche Gemeinschaft heute diesen heiligen Auftrag ignoriert und beiseite schiebt, und immer mehr Leben auf dieser Welt verunmöglicht wird, ja dann wird es zu unserem heiligen Auftrag als Kirche zu rebellieren. 

Die “Declaration of Rebellion” endet mit den folgenden Worten:

«We act in peace, with ferocious love of these lands in our hearts. We act on behalf of life.

Extinction Rebellion, Declaration of Rebellion.

Unser christlicher Auftrag: das Leben verkünden!

Wir handeln im Auftrag des Lebens. 

Ich glaube, dass genau dies der heilige Auftrag von uns Christ:innen in der heutigen Zeit ist. 

Ich glaube aber auch, dass wir so einen schweren Weg wählen. Wir gehen den Weg der Verteidigung des Lebens heute nicht, weil er einfach oder gemütlich ist. Nein, dieser Weg ist ungemütlich, voll mit Steinen, die uns die vorhandenen und etablierten Machtstrukturen dieser Welt in den Weg stellen werden.

Und dann brauchen wir etwas, was uns durchträgt: nicht nur eine Überzeugung des Kopfes, der mir sagt, das ist logisch, dass ich so handle, das ist sinnvoll. Nein ich glaube es braucht eine erneuerte Spiritualität, ein erneuertes Herz, das mich von innen heraus stärkt und durchträgt. Es braucht ein Herz, das voll ist mit einer Leidenschaft des Lebens.

Jürgen Moltmann hat bereits anfangs der 90er Jahre auf die Wichtigkeit dieser Leidenschaft des Lebens aufmerksam gemacht, damals auch noch in Angesicht der Atomkatastrophe:

Bevor die Erde im Atomtod und im ökologischen Tod stirbt, werden die Menschen am seelischen Tod der Apathie umkommen. Die Widerstandskräfte erlahmen, wenn die Leidenschaft zum Leben fehlt. Wer heute leben will […] muss es [das Leben] mit einer solchen Leidenschaft lieben lernen, dass er sich nicht an die Mächte der Zerstörung anpasst und die Tendenzen zum Tode nicht laufen lässt.“

Jürgen Moltmann, Der Geist des Lebens, S. 192f.

Als Christen müssen wir uns auf die Seite des Lebens stellen, also brauchen wir eine Theologie, die uns nicht in die Apathie treibt, sondern die lebensbejahend ist. Unsere Theologie muss von einer Leidenschaft fürs Leben geprägt sein und sich durch diese Leidenschaft den aktuellen Problemstellungen der Welt kreativ entgegenstellen. Gerade wenn die griechischen Ursprünge der beiden Wörter Apathie und Leidenschaft mitbedacht werden, Apathie kommt von gr. apathes: nicht fähig zu leiden, leidenslos sein und Leidenschaft von gr. pathos: Leid oder Leidenschaft, kann man diesen Aufruf auch dahingehend verstehen, dass wir uns nicht vom Leiden der Welt abkehren dürfen, sondern auch an diesem Leiden partizipieren, es gar zu unserem eigenen Leiden machen sollen, damit es uns, unser Denken, unser Handeln und unser Fühlen, verändern kann.

Und wenn wir dieses Leiden wahrnehmen, wenn wir dieses Leiden selbst fühlen, dann wird es uns möglich sein, den Weg des Lebens zu gehen, auch wenn vieles in unserer Welt uns davon abhalten will. Viel zu lange hat sich die Kirche mit den Machtstrukturen dieser Welt angefreundet und die Ökotheologie stimmt ein in die Forderung der Befreiungstheologie, der Feministischen Theologie, wenn sie sagt: das entspricht nicht der Identität der Kirche: Die Kirche ist nicht für die Machthabenden da, sondern für die Unterdrückten und will genau diesen Unterdrückten zum Leben verhelfen. Heute sind die Unterdrückten unter anderem jene, die unter den Auswirkungen der Klimakrise leiden, die Arten, die vom Aussterben bedroht sind und die Erde selbst, der wir unwiderruflichen Schaden zufügen. 

Die Kirche, die sich als Verkünderin des Gottes des Lebens sieht, kann sich aus den Herausforderungen der Klimakrise nicht raushalten, sondern muss mitten in dieser Welt eine Stimme für die Unterdrückten, nicht zuletzt für die unterdrückte Welt sein. Sie muss einstimmen in den Schrei der Schöpfung und darf nicht den Fehler begehen, sich als unabhängig oder getrennt von dieser Welt und dieser Erdengemeinschaft zu sehen. Die Kirche, die sich als unpolitisch versteht, verkrümmt die ihr von Christus vorgelebte Identität und sie von ihrem Ruf nach Verantwortung in der Welt zu trennen, führt nicht zu ihrer Entpolitisierung, sondern zu einer Solidarität mit den gängigen gesellschaftlichen Machtstrukturen. 

Der Theologie und der Kirche wohnt die Kraft inne, das Leben zu verkünden und zu fördern, wie auch sich mit den todbringenden Mächten zu solidarisieren. Es wird nicht einfach werden, uns dieser Spannung zu stellen – uns ihr aber nicht zu stellen, bedeutet bereits unser Tod. 

Ich glaube weiterhin an den Gott des Lebens und beziehe meine Kraft aus dieser Quelle für mein Denken und Fühlen und Handeln. 

Es ist jener Gott, der schon einmal den Tod besiegte. 

Wer bin ich, um ihr zu unterstellen, dass sie das nicht noch einmal tun kann?


[1] Vgl. IPBES (2019), Global Assessment Report on Biodiversity and Ecosystem Services, unter:  https://ipbes.net/global-assessment, zuletzt aufgerufen am 28.9.20.

[2] Vgl. Greenpeace Deutschland, Klimaflüchtlinge: Die verleugnete Katastrophe, Hamburg 2007; Greenpeace Deutschland, Klimawandel, Migration und Vertreibung: Die unterschätzte Katastrophe, Hamburg 2017.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s